Wie jedes abstrakte Konzept bedarf Open Government der Illustration. In den Diskussionen in Vorbereitung des zweiten Workshops der Modellkommunen im Juni 2018 ist dies in doppelter Weise umgesetzt worden: Sieben Zukunftsszenarien für die Kommune von morgen beschreiben das Leitbild in Text und Zeichnung.

Text: Matthias Neutzner | Illustration: Elisabeth Deim

Offenheit als Kultur

Die Kommune von morgen versteht und lebt Offenheit als Kultur. Ihre politischen Repräsentanten in Stadt- und Gemeinderäten, in Kreistagen, ihre Beschäftigten in den Rathäusern und Kreisverwaltungen setzen sich aktiv mit der sich rasch verändernden gesellschaftlichen Wirklichkeit auseinander – sei es vor Ort oder in der Welt. Sie sind wach und gut vernetzt. Sie nehmen neue Entwicklungen wahr und erkennen neue Konflikte. Neue Fragen aus der Bürgerschaft sind ihnen willkommen. Sie fragen selbst neu. Sie lassen ihren Erkenntnissen Taten folgen. Sie gehen neue Aufgaben mit dem reichen Erfahrungsschatz kommunaler Selbstverwaltung an und sind dennoch offen dafür, Alternativen zu denken und gänzlich neue Lösungen zu wagen. Es ist dabei selbstverständlich für sie, ihre Kommune, ihre Politik und ihr Verwaltungshandeln kritisch zu hinterfragen – d.h. aus ihrer Praxis zu lernen.
Die Kommune von morgen ist sich des Eigenen und des Erreichten bewusst. Sie ist gleichzeitig offen für Neues und für Veränderung.

Transparenz als Selbstverständlichkeit

Die Kommune von morgen stellt der Gesellschaft selbstverständlich Informationen, Daten und Wissen bereit, um demokratische Meinungsbildung und Mitgestaltung zu ermöglichen. Es ist Standard in allen ihren Politik- und Verwaltungsabläufen, die Voraussetzungen und Grundlagen von Entscheidungen und Aktivitäten zu erläutern. Dies schließt die damit verbundenen Konflikte und die abgewogenen Alternativen ein – selbst Dilemmata aus entgegenstehenden Anforderungen und Werten. In den Rathäusern und Kreisverwaltungen wird die Bürgerschaft als mündig und sachkundig geschätzt. Die Beschäftigten haben erfahren, dass sie ihr Handeln auch in komplexen Situationen verständlich machen können.
Die Kommune von morgen ist offen für das Informationsbedürfnis der Gesellschaft. Gleichzeitig wahrt sie Vertraulichkeit dort, wo dies die Rechte gesellschaftlicher Akteure erfordern. Es ist selbstverständlich für sie, Informationen, Daten und Wissen in einer solchen Weise bereitzustellen, dass sie in einer diversen Gesellschaft von möglichst Vielen genutzt werden können.

Beteiligung und Zusammenarbeit als Ressource

Die Kommune von morgen nutzt in ihrer politischen und administrativen Arbeit die Erfahrungen, die Urteile und die Fähigkeiten der Bürgerschaft. Wann immer in den Gemeinden, Städten und Kreisen Lebenswirklichkeit gestaltet wird, sind die Betroffenen systematisch, verbindlich und frühzeitig einbezogen. Gemeinsam mit Politik und Verwaltung setzen sie Themen, finden Lösungsansätze und erkunden Gestaltungsspielräume. Ihre Ergebnisse haben Einfluss auf kommunale Entscheidungen und politische Gremien. So werden bessere und besser akzeptierte Lösungen möglich. Auch bei der praktischen Umsetzung erweitern die Bürgerschaft und ihre Organisationen die kommunalen Möglichkeiten durch Kompetenzen, Ressourcen und Ko-Produktion.
Die Verantwortlichen in den Rathäusern und Kreisverwaltungen verstehen sich als Begleiter, Förderer und Moderatoren für Dialog, Beteiligung und Zusammenarbeit. Sie stellen Verbindlichkeit her, aktivieren alle relevanten Gruppen und sorgen für einen ausgewogenen Interessenausgleich.
Die Kommune von morgen ist offen dafür, die Demokratie vor Ort vielfältiger zu gestalten.

Digitalisierung als Werkzeug

Die Kommune von morgen arbeitet selbstverständlich und umfassend digital. Alle politischen und administrativen Prozesse werden auf der Basis digitaler Daten, mit digitalen Werkzeugen und in digitaler Kommunikation abgewickelt – und dies organisationsübergreifend in der Zusammenarbeit mit allen Leistungspartnern. Damit dies gelingt, sind alle Komponenten und Systeme kommunaler Informationstechnik interoperabel gestaltet. Offene Daten, konsequente Standards und offene Schnittstellen – durchgesetzt durch Qualitätsvorgaben an die IT-Wirtschaft – ermöglichen eine lückenlose digitale Zusammenarbeit. So entstehen neue Möglichkeiten der Arbeitsteilung, werden Qualität und Effizienz von Lokalpolitik und Verwaltung positiv beeinflusst.
Die Kommune von morgen ist offen für technische Innovation. Sie gestaltet den Technikeinsatz dabei konsequent vom Menschen aus. Sie verwendet neue Technologien überall dort, wo sie Wirkungen im Sinne gesellschaftlicher Ziele und kommunaler Leistungsfähigkeit erreichen.

Smarte Innovation als Verantwortung

Die Kommune von morgen nutzt das technologische und soziale Potenzial vor Ort in neuer Qualität: Sie gestaltet, unterstützt und vernetzt die Digitalisierung in allen Lebensbereichen. Sie qualifiziert und verbindet vielfältige lokale Daten und macht sie systematisch zur Grundlage von politischen und administrativen Entscheidungen. Sie sorgt dabei dafür, dass die in den Gemeinden, Städten und Kreisen erhobenen digitalen Informationen im öffentlichen Zugriff bleiben und im Sinne des Gemeinwohls genutzt werden. Sie findet und fördert neue, dynamische Arbeitsformen, um die lokale Wirtschaft mit bürgerschaftlichem Engagement und wissenschaftlicher Kompetenz zu verbinden. Sie sorgt dafür, dass alle diese Entwicklungen gemeinsam mit den Menschen vor Ort gestaltet werden.
Die Kommune von morgen ist offen für technische und soziale Innovation. Sie ist sich gleichzeitig ihrer Verantwortung bewusst, diese Veränderungen demokratisch, sozial gerecht und ökologisch nachhaltig zu gestalten. Sie ist in der Lage, diese Verantwortung praktisch wahrzunehmen.

Veränderung als Organisationsprinzip

In der Kommune von morgen gehört Veränderung zum Selbstverständnis. Die Verantwortlichen und Beschäftigten in Rathäusern und Kreisverwaltungen sind bereit und fähig dazu. Sie entwickeln bewährte Organisationsformen weiter und ergänzen sie um prinzipiell neue Arbeitsweisen: Flexible Projektstrukturen sind selbstverständlich. Das Risiko neuer Lösungen wird nicht gescheut. Im Dreiklang von strategischer Planung, konsequenter Steuerung und agiler Umsetzung werden Innovationen dynamisch für den kommunalen Alltag erschlossen. Fehler gelten als Quelle für Erkenntnis. Mutiges Engagement der Beschäftigten wird geschätzt und gefördert. Vernetzung mit anderen öffentlichen Stellen, mit Wirtschaft und Bürgerschaft ist selbstverständlich.
Die Kommune von morgen ist offen für neue Verfahrensweisen und Kommunikationswege. Sie sichert die Unabhängigkeit und Rechtsbindung ihrer Verwaltungstätigkeit. Sie nutzt und fördert gleichzeitig die Kreativität und das Engagement ihrer Beschäftigten, um neue Anforderungen innovativer und dynamischer bewältigen zu können.

Offenheit für mehr Demokratie

Die Kommune von morgen versteht und entwickelt Offenheit als einen Weg, die lokale Demokratie zu stärken. Sie sucht aktiv den Kontakt zu allen sozialen Gruppen vor Ort, öffnet sich für deren Anliegen und bezieht sie in die politische und administrative Arbeit ein. So erkennt sie frühzeitig, wenn neue Probleme entstehen oder gar Sorgen und Unzufriedenheit zur Gefahr für die Demokratie werden. Sie macht mögliche Lösungen, aber auch die damit verbundenen Konflikte und die Notwendigkeit zum Kompromiss transparent und fördert so das Verständnis für die Funktionsweise des politischen Systems. Indem Themensetzung und Lösungssuche in offener Aushandlung gemeinsam mit den Betroffenen erfolgen, ermöglicht dies nicht nur bessere Ergebnisse. Beteiligung wird gleichzeitig zum wirksamen Übungsfeld politischer Bildung, in dem Bürgerschaft, Lokalpolitik und Verwaltung Demokratiekompetenz und Vertrauen entwickeln.
Die Kommune von morgen gestaltet kommunale Selbstverwaltung neu: Offen gegenüber der Bürger-schaft, im Bewusstsein ihrer Verantwortung für das Eigene und die Welt, offen für Innovation und neue Arbeitsweisen.