Aspekte eines Kulturwandels öffentlicher Verwaltungen

An die Arbeitsberichte der einzelnen Modellkommunen und der Projektleitung schloss sich ein ausführlicher Beitrag aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf an. Bei der konzeptionellen Vorbereitung eines der beiden im Landkreis geplanten Open-Government-Modellprojekte hatte die Landkreisverwaltung Erfahrungen gesammelt und reflektiert, an denen beispielhaft Aspekte von Offenheit im kommunalen Handeln verdeutlicht werden können.

Fachübergreifende Aufgabe mit einem breiten Spektrum an Projektakteuren

Im Vortrag wurde zunächst der fachliche Gegenstand des Modellprojekts erläutert: Das Vorhaben zielt darauf, eine durchgehende Wertschöpfungskette für die Pflege hunderter Kilometer Hecken im Landkreis, für ihren Schnitt und die Verwertung des Schnittguts in der lokalen Energiewirtschaft aufzubauen. Naturschutzaufgaben werden dabei mit dem Aufbau ressourcenschonender und nachhaltiger lokaler Wirtschaftskreisläufe verbunden.

Der interdisziplinäre Zuschnitt des Projekts hat ein breites Spektrum an Projektbeteiligten zur Folge:
Neben mehreren Fachbereichen der Kreisverwaltung (Naturschutz, Klimaschutz und Agrarumwelt), sind die kreisangehörigen Kommunen (Hauptamt, Bauhof, Vergabestelle) sowie die lokale Wirtschaft (Dienstleister für Heckenschnitt und Transport, Verwerter und Energiegenossenschaften) einbezogen. Auch die Zivilgesellschaft ist notwendiger Teil der Projektarbeit – einerseits über die Naturschutzverbände, andererseits über Anlieger und die lokale Öffentlichkeit.

Perspektiven von Offenheit im Projekt

Aus der Sicht von Open Government betrachtet, werden im Modellprojekt typische Handlungsfelder einer Öffnung der kommunalen Akteure für die Gesellschaft deutlich.

Transparenz: Sowohl für die Öffentlichkeit in den kreisangehörigen Kommunen als auch für die lokale Wirtschaft müssen die Ziele, die Vorgehensweisen und der Umsetzungsstand des Projekts transparent sein. Auf diese Weise können Bedenken der Bürgerinnen und Bürger produktiv aufgegriffen werden – beispielsweise, wenn angesichts des fachlich notwendigen starken Rückschnitts der Hecken eine Zerstörung von Natur zugunsten wirtschaftlicher Interessen befürchtet wird.

Kooperation: Das fachlich komplexe Projekt erfordert Kooperation auf mehreren Ebenen. Es illustriert daher beispielhaft die Notwendigkeit, offen auf die Interessen und Fähigkeiten der unterschiedlichen Akteure einzugehen. Dies beginnt bereits innerhalb der öffentlichen Verwaltung: Hier ist nicht nur Ebenen-übergreifend zwischen den unterschiedlichen Interessen des Landkreises und der kreisangehörigen Kommunen zu vermitteln, sondern auch zwischen den teils gegensätzlichen Fachperspektiven der beteiligten Verwaltungsstellen – beispielsweise in der Spannbreite zwischen Naturschutz, Regionalentwicklung und Wirtschaftsförderung. Auch im Verhältnis zur lokalen Wirtschaft ist ein kooperativer Ansatz unabdingbar: Um einen nachhaltigen regionalen Wirtschaftskreislauf aufzubauen, müssen unterschiedliche Leistungen eng abgestimmt und innerhalb der Wirtschaftsregion erbracht werden. Das kann auch bedeuten, die Potenziale der lokalen Akteure in neuer Weise zu nutzen – etwa wenn Landwirte die in der Winterzeit stark in Anspruch genommenen Forstdienstleister beim Heckenschnitt unterstützen.

Partizipation: Um die unterschiedlichen Interessen und Möglichkeiten aller Betroffenen für das Projekt nutzbar machen zu können, müssen sie in die Diskussion und Lösungsfindung eingebunden sein. Das Projekt bietet daher die Möglichkeit, musterhaft die damit verbundenen Aushandlungs- und Gestaltungsprozesse zu erproben.

Technologische Offenheit: Die für das operative Management des Wirtschaftskreislaufs notwendigen IT-Funktionen sollen von Vornherein so ausgelegt sein, das Daten und Lösungen in größtmöglichem Maß auch durch Dritte nutzbar sind. Dazu ist es beispielsweise beabsichtigt, die konzipierte Online-Plattform auf Basis von Open Source zu realisieren und die dabei erzeugten Daten als Open Data bereitzustellen.

Notwendigkeit und Chancen eines Kulturwandels in der Verwaltung

Für die Projektverantwortlichen im Landkreis Marburg-Biedenkopf machen die bisherigen Erfahrungen im Modellprojekt die Notwendigkeit deutlich, Aufgaben dieser Komplexität auf der Basis einer neuen Verwaltungskultur umzusetzen. So muss aus ihrer Sicht in stärkerem Maß proaktiv und gestaltend auf gesellschaftliche Aufgaben reagiert werden. Ergänzend zu etablierten, regelbasierten Verfahrensweisen ist eine eher ergebnisorientierte und flexible Projektarbeit notwendig, die sich zudem für die Potenziale von Kooperationspartnern in der Gesellschaft öffnet.

Für die praktische Umsetzung in den Kommunalverwaltungen bedeutet dies, neue Arbeitsstrukturen neben der Linienorganisation zu finden, Koordinationskompetenzen aufzubauen und sich in stärkerem Maß auf die Selbstverantwortung und Initiative der Beschäftigten zu stützen. Eine solche Veränderung der Arbeitsweisen kann jedoch nur dann gelingen, wenn das Engagement der sie tragenden Beschäftigten in den Kommunalverwaltungen wertgeschätzt und unterstützt wird. Rückschläge und Fehler müssen von den Verantwortlichen eher als Erkenntnisquelle denn als Verhinderungsgrund verstanden und behandelt werden.

Text: Neutzner | Fotografie: P. Momper, AC Consult & Engineering GmbH