Landkreis Marburg-Biedenkopf

Heckenmanagement

Projektsteckbrief

Im Landkreis Marburg-Biedenkopf wird im Rahmen des Pilotvorhabens unter anderem das Modell eines ganzheitlichen Heckenmanagements konzipiert. Naturschutzaufgaben werden dabei mit dem Aufbau ressourcenschonender und nachhaltiger lokaler Wirtschaftskreisläufe verbunden. Ziel des Modellprojekts ist es, die Praktikabilität und Effektivität von Open Government auf kommunaler Ebene aufzuzeigen und Anforderungen an eine veränderte Verwaltungskultur zu identifizieren.

Maßgeblich adressierte Handlungsfelder im Open Government

  • Zusammenarbeit
  • Transparenz
  • Innovation

Status Quo

Stand: März 2019

Hohe Einsparpotentiale durch nachhaltige Heckenpflege

Heckenstrukturen und Feldgehölze kommen nicht natürlich vor. Sie sind Teil der menschengeschaffenen Kulturlandschaft und müssen regelmäßig zurückgeschnitten werden, damit sie nicht zu Baumreihen durchwachsen. Und damit ihre Funktionen als artenreiche Biodiversität-Hotspots und landschaftsprägende Elemente verlieren. Diese Heckenpflege wurde in den vergangenen Jahrzehnten nicht mehr ausreichend durchgeführt, weil sie für die Eigentümer – zu ca. 70% sind dies im Landkreis Marburg-Biedenkopf die Kommunen – hohe Kosten durch Schnittdienstleistung und Schnittgutentsorgung verursacht. Kommunalverwaltungen sind mit der fachlich korrekten Pflege der Hecken auf ihren Flächen wegen fehlender Ressourcen tendenziell überfordert. Neben den hohen Kosten sind die Bauhöfe selten von den Ressourcen und Kompetenzen her entsprechend aufgestellt, um die Pflege in Eigenleistung zu erbringen.

Zusätzlich zu den naturschutzfachlichen Anforderungen werden aber insbesondere von Seiten der Landwirte regelmäßige Heckenschnitte vermehrt eingefordert, weil übergreifender Bewuchs die Befahrbarkeit von Wegen und die Nutzung von landwirtschaftlichen Flächen einschränkt. Gleichzeitig wird das naturschutzfachlich korrekte Zurückschneiden der Hecken bis knapp über den Boden, das sogenannte »auf den Stock schneiden«, von Bürger*innen häufig als zerstörerischer Eingriff wahrgenommen und die energetische Verwertung als eine übermäßige »Nutzung« der natürlichen Ressourcen kritisiert. Dies auch vor dem Hintergrund, dass die früher übliche Nutzung als Energieträger durch Privatpersonen im Zuge der allgemeinen Wohlstandsentwicklung an Bedeutung verloren hat.

In den vergangenen Jahren hat sich durch die mangelnde Pflege ein beträchtlicher Biomasseaufwuchs ergeben. Bei einer nachhaltigen Heckenpflege – das bedeutet eine Schnittmaßnahme alle 15 Jahre – und einer lokalen energetischen Verwertung des Schnittguts in den Bioenergiedörfern des Landkreises wurde ein Einsparpotential von ca. 4,3 Mio. Liter Heizöläquivalenten pro Jahr errechnet. Dies entspräche konservativ gerechnet dem durchschnittlichen Wärmebedarf von 8 Ortschaften.

Fachübergreifende Aufgabe mit einem breiten Spektrum an Projektakteuren

In dem Modellprojekt werden die Schritte der gesamten Wertschöpfungskette von der Pflegeplanung über die Schnittdienstleitung bis zur Verwertung des Schnittguts in der lokalen Energiewirtschaft in einem Geoinformationssystem digital abgebildet und darüber hinaus Möglichkeiten zur Kommunikation und Information über die geplanten Pflegemaßnahmen geschaffen.

Der interdisziplinäre Zuschnitt des Projekts hat ein breites Spektrum an Projektbeteiligten zur Folge: Neben mehreren Fachbereichen der Kreisverwaltung (Naturschutz, Klimaschutz und Agrarumwelt), sind die Kommunen (Hauptamt, Bauhof, Vergabestelle) sowie die lokale Wirtschaft (Dienstleister für Heckenschnitt und Transport, Verwerter und Energiegenossenschaften) einbezogen. Auch die Zivilgesellschaft ist notwendiger Teil der Projektarbeit – einerseits über die Naturschutzverbände, andererseits über Anlieger und die lokale Öffentlichkeit. Neben den jeweiligen Ansprüchen, die die verschiedenen Akteursgruppen an ein solch systematisches und koordiniertes Heckenmanagement stellen, haben sie aber auch ganz individuelle Fähigkeiten, die sie in den verschiedenen Stufen der Wertschöpfungskette und der Projektplanung einbringen können und wollen.

Perspektiven von Offenheit im Projekt

Aus der Sicht von Open Government betrachtet, werden im Modellprojekt typische Handlungsfelder einer Öffnung der kommunalen Akteure für die Zivilgesellschaft deutlich.

Transparenz: Sowohl für die Öffentlichkeit in den kreisangehörigen Kommunen als auch für die lokale Wirtschaft müssen die Ziele, die Vorgehensweisen und der Umsetzungsstand des Projekts transparent sein. Auf diese Weise können Bedenken der Bürger*innen produktiv aufgegriffen werden – beispielsweise, wenn angesichts des fachlich notwendigen starken Rückschnitts der Hecken eine Zerstörung von Natur zugunsten wirtschaftlicher Interessen befürchtet wird.

Kooperation: Das fachlich komplexe Projekt erfordert Kooperation auf mehreren Ebenen. Es illustriert daher beispielhaft die Notwendigkeit, offen auf die Interessen und Fähigkeiten der unterschiedlichen Akteure einzugehen. Dies beginnt bereits innerhalb der öffentlichen Verwaltung: Hier ist nicht nur ebenenübergreifend zwischen den unterschiedlichen Interessen des Landkreises und der kreisangehörigen Kommunen zu vermitteln, sondern auch zwischen den teils gegensätzlichen Fachperspektiven der beteiligten Verwaltungsstellen – beispielsweise im Spannungsfeld zwischen Naturschutz, Regionalentwicklung und Wirtschaftsförderung. Auch im Verhältnis zur lokalen Wirtschaft ist ein kooperativer Ansatz unabdingbar: Um einen nachhaltigen regionalen Wirtschaftskreislauf aufzubauen, müssen unterschiedliche Leistungen eng abgestimmt und innerhalb der Wirtschaftsregion erbracht werden. Das kann auch bedeuten, die Potenziale der lokalen Akteure in neuer Weise zu nutzen – etwa wenn Landwirte die in der Winterzeit stark in Anspruch genommenen Forstdienstleister beim Heckenschnitt unterstützen.

Partizipation: Um die unterschiedlichen Interessen und Möglichkeiten aller Betroffenen für das Projekt nutzbar machen zu können, müssen sie in die Diskussion und Lösungsfindung eingebunden sein. Das Projekt bietet daher die Möglichkeit, beispielhaft die damit verbundenen Aushandlungs- und Gestaltungsprozesse zu erproben.

Technologische Offenheit: Die für das operative Management des Wirtschaftskreislaufs notwendigen IT-Funktionen sollen von Beginn an so angelegt sein, dass Daten und Lösungen in größtmöglichem Maß auch durch Dritte nutzbar sind. Dazu ist es beispielsweise beabsichtigt, die konzipierte Online-Plattform auf Basis von Open Source zu realisieren und die dabei erzeugten Daten als Open Data bereitzustellen.

Notwendigkeit und Chancen eines Kulturwandels in der Verwaltung

Die bisherigen Erfahrungen im Modellprojekt machen die Notwendigkeit deutlich, Aufgaben dieser Komplexität auf der Basis einer neuen Verwaltungskultur umzusetzen. So muss in stärkerem Maß proaktiv und gestaltend auf gesellschaftliche Aufgaben reagiert werden. Ergänzend zu etablierten, regelbasierten Verfahrensweisen ist eine eher ergebnisorientierte und flexible Projektarbeit notwendig, die sich zudem für die Potenziale von Kooperationspartnern in der Gesellschaft öffnet.

Für die praktische Umsetzung in den Kommunalverwaltungen bedeutet dies, neue Arbeitsstrukturen neben der Linienorganisation zu finden, Koordinationskompetenzen aufzubauen und sich in stärkerem Maß auf die Selbstverantwortung und Initiative der Beschäftigten zu stützen. Eine solche Veränderung der Arbeitsweisen kann jedoch nur dann gelingen, wenn das Engagement der sie tragenden Beschäftigten in den Kommunalverwaltungen wertgeschätzt und unterstützt wird. Rückschläge und Fehler müssen von den Verantwortlichen eher als Erkenntnisquelle denn als Verhinderungsgrund verstanden und behandelt werden.

Eine in diesem Sinne neue Verwaltungskultur bietet nach Überzeugung der Verantwortlichen im Landkreis Marburg-Biedenkopf die Chance, gesellschaftliche Aufgaben besser und effizienter zu bewältigen. Sie eröffnet den Mitarbeitenden in den Verwaltungen neue Möglichkeiten, sich in ihrem Aufgabenbereich zu entwickeln, selbst Verantwortung zu übernehmen und sich wirksam in die Gestaltung der Gesellschaft einzubringen.

Gleichwohl stehen dieser Entwicklung Hemmnisse entgegen: So muss beispielsweise das Beharrungsvermögen der tradierten organisatorischen Strukturen, Arbeits- und Verhaltensweisen überwunden werden. Der Kulturwandel betrifft damit Aufbau- und Ablauforganisation gleichermaßen.

Exkursion der Pilotgruppe zum Landkreis Steinfurt

Am Freitag, den 1. Februar 2019 machte sich eine Delegation aus dem Landkreis auf den Weg nach Mettingen, um die dortige Praxis der Heckenpflege in Augenschein zu nehmen. Vertreten waren Akteure von Interessengruppen, die bei einer zukünftigen Umsetzung des Heckenmanagements einzubeziehen sind. Die Zusammensetzung der Gruppe wurde vom dortigen Heckenmanager Herrn Brink als weitsichtig und für das zukünftige Gelingen des Projektes zielführend beurteilt. Parallel reisten 2 IT-Spezialisten aus Hamburg an, um Informationen für die Entwicklung der geplanten Open Source Software zu sammeln.

Herr Brink betreut im Landkreis Steinfurt ca. 3500 km Hecken. Seine Stelle ist bei der UNB des Kreises angesiedelt, was die naturschutzfachliche Bedeutung des Heckenmanagements für die Region unterstreicht. Das Heckenmanagement ist dort mittlerweile ein Erfolgsmodell, das sich auch finanziell weitestgehend selbst trägt. Jedoch verwies Herr Brink darauf, dass dies zu Beginn (2009) noch nicht so war. Am Anfang sei sehr viel Überzeugungsarbeit nötig gewesen. Herr Brink betonte, dass es notwendig sei, in der Anfangsphase des Projekts kleinere Maßnahmen umzusetzen, bei denen auch der eine oder andere Fehler passieren dürfe. Dies sei für den Lern- und Entwicklungsprozess unerlässlich.

Mittlerweile benötigt Herr Brink nur noch 20 % seines Arbeitszeitvolumens für das Heckenmanagement. Dienstleister und Eigentümer verständigen sich überwiegend bilateral. Herr Brink setzt die Dienstleistungsverträge auf und vermittelt in schwierigen Fällen. Er sieht seine Rolle als die des Moderators.

Grundsätzlich wird mit 10 Dienstleistern im Kreis zusammengearbeitet, wobei es sich überwiegend um landwirtschaftliche Lohnunternehmer handelt, die zu Beginn des Projekts die Absicht hatten, ihren Maschinenpark in der arbeitsarmen Zeit, die mit der Heckenpflegeperiode fast übereinstimmt, auszulasten. Mittlerweile investieren diese Betriebe jedoch in Spezialtechnik zur Ernte und Veredlung der Hackschnitzel. Dies ist wohl der beste Indikator für die Wirtschaftlichkeit des Heckenprojets im LK Steinfurt. Nicht zu Letzt wegen der imposanten Technik beindruckten die Pflegemaßnahmen, denen wir live beiwohnen durften. Wichtig zu erwähnen ist, dass die Arbeiten in einem Naturschutzgebiet stattfanden. Schutz- und Erhaltungsziele wurden hier vorbildlich berücksichtigt.

Herr Brink hob hervor, dass das Heckenmanagement neben den bekannten ökologischen Vorteilen einen essentiellen Beitrag zum Erhalt von Hecken leiste, da eine gepflegte Hecke die Landwirte weniger in der Bewirtschaftung der anliegenden Flächen beeinträchtige und das Anlastungsrisiko bezüglich der Flächenprämie (Schattenwurf) mindere. Dies führe zu mehr Akzeptanz und weniger mutwilliger Heckenzerstörung.

Ein wichtiger Aspekt, der beim weiteren Vorgehen beachtet werden muss, sind die unterschiedlichen Grundvoraussetzungen der beiden Landkreise. So fiel ins Auge, das im Landkreis Steinfurt mehr und ergiebigere Heckenstrukturen vorhanden sind als im heimischen Landkreis.

Text: Landkreis Marburg-Biedenkopf